Es gibt diesen Moment beim Lesen, in dem ich die Nachttischlampe längst hätte ausschalten müssen und denke: Nur noch dieses eine Kapitel, dann klappe ich das Buch zu und gehe schlafen. Nur noch diese eine Seite. Und ehe man sich’s versieht, hat die Autorin mich mit einem Cliffhanger überlistet und mich zum Umblättern gebracht. Aber nach diesem Kapitel höre ich wirklich auf.
Trotz aller guten Vorsätze schaffe ich es natürlich nicht, das Buch aus der Hand zu legen und es ist 2.37 Uhr, bis der totgeglaubte Mentor wiederauferstanden ist, die Auserwählte die Welt gerettet hat und die Enemies endlich zu Lovers geworden sind. Am nächsten Morgen sitze ich mit verquollenen Augen im Büro und frage mich, ob ich die fehlenden Stunden Schlaf bereue. Nein. Auf gar keinen Fall. Ganz im Gegenteil, beim nächsten Mal würde ich alles wieder so machen.
Das ist einer der Gründe, warum ich schreibe: weil ich irgendwann selbst die Autorin des Buches sein möchte, das jemanden bis tief in die Nacht weiterlesen lässt. Gegen jede Vernunft.
Die besten Momente beim Schreiben fühlen sich ganz genauso an. Wenn ich bei einer Dialogszene plötzlich die Stimmen meiner Figuren im Ohr habe und sie so gar nicht zufrieden sind mit dem Satz, den ich für sie vorgesehen hatte. Dann unterbrechen sie ihr Gegenüber, provozieren einen Streit oder lassen Taten sprechen, weil das, was ungesagt bleibt, mehr über sie sagt als jedes weitere Wort. Und ich sitze ganz gespannt vor dem Bildschirm und haue so schnell wie möglich in die Tasten, um zu erfahren, wie es weitergeht. Manchmal zieht mich mein eigener Cliffhanger weiter und ich bin schon mitten im nächsten Kapitel, bevor ich merke, dass das vorige fertig ist. Wenn ich mich doch endlich losreißen kann und zu Bett gehe, ist meine Rohfassung an einem Tag um so viele Worte gewachsen wie seit einem Monat nicht.
Zugegeben, solche Momente sind selten. Die meiste Zeit komme ich sehr viel langsamer voran als gedacht, weil mich fast jedes neue Kapitel vor dieselben drei Probleme stellt: den Anfang, die Mitte und den Schluss. Selbst wenn ich die erste Hälfte schon geplant habe und sie eigentlich nur noch ausformulieren muss. Auch eine detaillierte Skizze ist eben nur eine Skizze.
Mark Twain wird das Zitat zugeschrieben: “Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.” Ich sehe die größere Herausforderung eher darin, die richtigen Wörter zu finden. Dafür muss ich Schritt für Schritt an der Seite meiner Figuren durch die Welt meines Romans gehen. Häufig im Schneckentempo.
Und dann treffe ich in der zweiten Hälfte auf eine Figur, die ich einfach nicht leiden kann. Immer, wenn sie einen Raum betritt, muss ich an Professor Snape denken, der die Tür zu seinem Klassenzimmer aufstößt. Von da an braucht ein Satz drei Anläufe, die Szene zweieinhalb Wochen und das Kapitel mehr als einen Monat.
Aber so weit komme ich nur, wenn ich es überhaupt an den Schreibtisch schaffe. Der Weg dorthin ist seine eigene Geschichte. Die beginnt an Tagen, an denen ich von zu Hause arbeite, idealerweise um zehn vor halb sieben. Ich stehe auf, öffne die Vorhänge und das Fenster, gehe kurz ins Bad, trinke ein Glas Wasser und setze mich mit dem iPad ins Bett, um vor dem Frühstück eine Stunde zu schreiben.
Und in Wirklichkeit? Da stehe ich zwar auf, greife aber zum Handy, swipe durch Carousel Posts und verschicke Reels an meine Familie. Wenn ich Glück habe, stoße ich auf einen Post, in dem mir some random guy ein Whiteboard entgegenhält, auf dem steht: “You seem to be scrolling a lot for someone who has a book to write.” Autsch. Das tut weh. Ich entdecke meine Disziplin wieder und schreibe noch für eine halbe Stunde. Meistens ist das nicht der Fall. Und wenn ich am Vortag im Büro war: Vergiss es. Dann snooze ich so lange, dass ich Probleme bekomme, pünktlich um neun in die erste Videokonferenz des Tages zu starten.
Egal, wie der Morgen verläuft, versuche ich nach der Arbeit noch ein, zwei Stunden zu schreiben. Die Betonung liegt auf versuche. An Home-Office-Tagen bringe ich meistens ein paar Sätze zustande. Schneckentempo eben. An Bürotagen klappt das nur sehr selten. Dann bin ich schon froh, wenn ich auf dem Heimweg den Anschluss zur S-Bahn bekommen habe und vor 19 Uhr zu Hause bin. Mein Hirn ist Pudding, ich lege mich nach dem Abendessen mit dem Handy aufs Bett und scrolle mich ins Verderben.
Am Wochenende sähe das eigentlich anders aus, weil ich nicht arbeiten muss und mehrere Stunden am Stück schreiben könnte. Aber natürlich erst, nachdem ich den Speiseplan für die nächsten Tage aufgestellt, die Einkaufsliste geschrieben und die Wohnung geputzt habe (aka den Saug-Wisch-Roboter aus seiner selbst verschuldeten Gefangenschaft zwischen Sessel und Sofa befreit habe). Das ist definitiv das falsche Mindset, um in meine Romanwelt einzutauchen. Zur Erholung hilft nur Online-Shopping. Ich hab da neulich so eine völlig überteuerte mechanische Tastatur gesehen, die aussieht wie eine Schreibmaschine…
Manchmal träume ich von einer mehrwöchigen Schreibauszeit mit vegetarischer Vollpension. Keine Termine, keine Pflichten, keine Ablenkung. Nur ich, mein Romanprojekt und ein Schreibtisch mit Aussicht. Aber mit dem Preisschild solcher Retreats, einer begrenzten Anzahl an Urlaubstagen und einer großen Familie, die mich hin und wieder mal zu Gesicht bekommen will, ist das leichter gesagt als getan. Und mal ehrlich: Wenn ich es nicht schaffe, das Schreiben in meinem Alltag unterzubringen, werde ich nie fertig.
Gestern habe ich nach 23 Kalender- und 20 Schreibtagen Kapitel 19 beendet. Wie viele es insgesamt werden, weiß ich selbst nicht ganz genau. Meine aktuelle Planung sieht 36 vor, mein Bauchgefühl tippt eher auf 40 bis 50. Und das ist nur die erste Rohfassung.
Doch vielleicht, irgendwann, kommt der Moment, in dem jemand mein fertiges Buch in die Hand nimmt, beim Lesen die Zeit vergisst und sich weit nach Mitternacht denkt: Nur noch dieses eine Kapitel.
Was war das letzte Buch, das du nicht aus der Hand legen konntest?