Ich habe nichts gegen Drachen. Aber bitte nicht in meinem Roman.
Ich wollte nie Fantasy schreiben.
Als ich vor vielen Jahren anfing, an einem Buch zu arbeiten, hatte ich etwas ganz anderes im Kopf: Einen Familienroman, für den ich aus meiner ostdeutsch geprägten Biografie schöpfen wollte. Einen Stoff, der näher am Hier und Jetzt spielen sollte, in einer mir vertrauten Welt, die ohne Magie auskommt. Und vor allem ohne Drachen.
Ich hatte schon die erste Rohfassung für etliche Kapitel geschrieben. 24 sollten es werden, plus Prolog und Epilog. Doch wie es mit dem Schreiben neben einem Vollzeitjob eben so ist: Intensive, kurze Schreibphasen wechselten sich mit langen Phasen ab, in denen mein Projekt in der Ecke lag. Das änderte sich erst, als ich mich bei der Schule des Schreibens für die Große Romanwerkstatt anmeldete und mit der Bearbeitung der Einsendeaufgaben immer neues Material hinzukam.
Doch dann sollte ich eine Szene aus dem Genre Fantasy und dazu eine selbstgezeichnete Karte einreichen. Wie sollte ich das nur anstellen, wo ich noch nicht mal wusste, in was für einer Welt sie spielen sollte? Wochenlang jagte ich verschiedenen Ideen hinterher, ehe sich eine aufs Papier bannen ließ.
Einige Zeit später kam ich wieder darauf zurück, als es daran ging, meiner Studienleiterin drei mögliche Romanprojekte vorzustellen, um eines davon für die weitere Bearbeitung auszuwählen. Aus der einzelnen Szene musste ein grober Handlungsentwurf werden. Also vertiefte ich mich in die Figuren, in die Magie, in den Weltenbau, bis das Konzept schließlich stand. Es passierte, was passieren musste: In all den Monaten, in denen ich daran feilte, wuchs mir die Geschichte immer mehr ans Herz, sodass ich mir am Ende gar nicht mehr so sicher war, ob ich statt des geplanten Familienromans nicht doch lieber Fantasy schreiben wollte.
Aber ich lese doch noch nicht mal Fantasy? Besser gesagt, ich hatte zu dem Zeitpunkt damit aufgehört, genervt von Buchreihen, bei denen man jahrelang vergeblich auf den nächsten oder, schlimmer noch, letzten Band hofft und sich mit Prequels oder Novellen über Nebenfiguren trösten muss. Als ich zurückblickte, fiel mir auf, dass es schon immer fantastische Geschichten waren, die mich faszinierten und bis heute begleiten.
Das erste Buch, das ich verschlang, falls das überhaupt möglich ist, wenn man sich mit fünf gerade selbst das Lesen beigebracht hat, war Der Zauberer der Smaragdenstadt von Alexander Wolkow. Die folgenden fünf Bände aus der Reihe waren die ersten, die ich mir als stolze Besitzerin einer Mitgliedskarte in der städtischen Kinderbibliothek auslieh. Aber da gab es noch so viel mehr: die Zauberwald-Reihe von Enid Blyton, Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, Momo und Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Zu Hause standen Der kleine Wassermann von Otfried Preußler und Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln von Lewis Carroll im Bücherregal.
Später folgten Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop von Philip Pullman. Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien und Harry Potter entdeckte ich im Kino. Nach dem ersten Trailer blieb noch genug Zeit, um mich in den Kinderzimmern meiner jüngeren Geschwister zu bedienen und in den Club derer einzutreten, die das Buch natürlich vor dem Film gelesen hatten. Dabei hatte Harry Potter den ganz entscheidenden Nachteil, dass die Reihe noch nicht abgeschlossen war. Zur Überbrückung der Wartezeit dienten Tintenherz, Tintenblut und Tintentod von Cornelia Funke, Die Chroniken von Narnia von C. S. Lewis und einige von Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen.
Während des Studiums erwies sich der Erscheinungstermin von Harry Potter and the Deathly Hallows als ernsthaftes Risiko für das Bestehen meiner Prüfung über Stochastische Modelle. Meine Logik war unanfechtbar: Je eher ich wusste, wie es ausgeht, desto früher konnte ich anfangen zu lernen. Ich habe danach kein Buch mehr so schnell durchgelesen und es hat noch geklappt mit der Prüfung.
Doch dann kamen Der Name des Windes und Die Furcht des Weisen von Patrick Rothfuss. Seitdem sind mehr als 14 Jahre vergangen. Zum Glück hatte ich bis dahin noch nicht allzu viel von Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin gehört. Solange der letzte Band nicht erschienen ist, werde ich meine Finger davon lassen. Und die Chancen, dass das passiert, stehen noch schlechter als für Die Königsmörder-Chronik.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich mich schließlich dafür entschieden habe, einen Fantasyroman zu schreiben: Wenn andere ihre Geschichten in dem Genre nicht zu Ende erzählen, schreibe ich eben selbst eine. Eine, in der die Figuren im Fokus stehen und nicht die Schlachten, die geschlagen werden. Mit einer Heldin, die andere Probleme hat, als die Frage, ob sie die Auserwählte einer Prophezeiung ist. Mit einem buchbasierten Magiesystem. Aber definitiv ohne Drachen.
Was darf für dich in einem Fantasyroman nicht fehlen? Und was lässt dich das Buch sofort zuklappen?