Warum in Piranesi von Susanna Clarke mehr steckt, als seine 269 Seiten vermuten lassen
Es gibt Bücher, die mir immer wieder über den Weg laufen. Wenn sie erscheinen, lese ich erste Rezensionen und denke mir, hm, das könnte was für mich sein. Sobald ich in der Buchhandlung davor stehe, habe ich schon vier andere Bücher im Arm und nein, ein fünftes wäre dann doch zu viel. Nächstes Mal. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen.
Das Buch, um das es hier gehen soll, gewinnt 2021 den Women’s Prize for Fiction, den zuvor schon Maggie O’Farrell mit Hamnet, Madeline Miller mit The Song of Achilles und Zadie Smith mit On Beauty gewonnen haben, alles Bücher, die mit zu den besten gehören, die ich über die Jahre gelesen habe. Also kaufe ich es und lege es auf meinen Stapel ungelesener Bücher, den SuB, denn ich muss ja erst noch mein current read beenden.
Dort bleibt es liegen und die Zeit vergeht. Es braucht Bookstagram, um es mir irgendwann wieder in den Feed zu spülen, während ich nach Vergleichstiteln für den Fantasyroman suche, den ich gerade schreibe. Und so kommt es, dass ich nach sechs Jahren endlich Piranesi von Susanna Clarke zur Hand nehme.
Ist es nicht ein bisschen dünn für einen Fantasyroman? Die deutsche Taschenbuchausgabe ist 269 Seiten lang, die englische bringt es nicht einmal auf 250 Seiten. Doch in Piranesi steckt mehr, als seine 269 Seiten vermuten lassen. Wie in dem Kleiderschrank, durch den Lucy Pevensie nach Narnia stolpert — von außen ein gewöhnliches Möbelstück, offenbart sein Inneres den Zugang zu einer ganzen Welt.
Den Bezug zu Narnia stellt Susanna Clarke selbst her, indem sie ihrem Roman die Worte von Andrew Ketterley, dem Onkel der Hauptfigur in Das Wunder von Narnia (auf Englisch The Magician’s Nephew), voranstellt:
Ich bin der große Gelehrte, der Zauberer, der Experte, der das Experiment durchführt. Natürlich brauche ich Versuchsobjekte, an denen ich es durchführe.
C. S. Lewis, Das Wunder von Narnia.
Piranesi erzählt in Tagebucheinträgen von seiner Welt, „Dem Haus“, das aus unzähligen Sälen und Vorhöfen besteht, die mit einer ebenso unermesslichen Anzahl von Statuen gesäumt sind. Eine davon erinnert stark an Herrn Tumnus, das erste Wesen, auf das Lucy in Narnia trifft.
Eine andere — vielleicht die Statue, die ich am allerliebsten mag — steht an einem Türeingang zwischen dem Fünften und dem Vierten Nordwestlichen Saal. Es ist die Statue eines Fauns, eines Wesens, das halb Mensch und halb Ziegenbock ist, mit einem üppigen Lockenkopf. […] Ich träumte einmal von ihm; er stand in einem verschneiten Wald und sprach mit einem weiblichen Kind.
Susanna Clarke, Piranesi, Statuen, Eintrag für den Achtzehnten Tag des Fünften Monats in dem Jahr, in dem der Albatros in die Südwestlichen Säle kam, S. 26 (Heyne 2022).
Später taucht die Statue eines „Fuchsrüden“ auf, „der zwei Eichhörnchen und zwei Satyrn unterrichtet“ (S. 95). Dies wird nicht der letzte Querverweis nach Narnia bleiben, in dem die Weiße Hexe herrscht und ihre Gegner in Stein verwandelt.
Keine Sorge, du musst C. S. Lewis’ Narnia-Bücher nicht gelesen haben, um Piranesi zu verstehen. Aber du hast mehr davon, wenn du Das Wunder von Narnia (The Magician’s Nephew) und Der König von Narnia (The Lion, the Witch and the Wardrobe) kennst. Susanna Clarke nutzt die Anspielungen darauf geschickt, um die Atmosphäre in ihrem Roman zu verstärken und liefert zugleich Hinweise auf die Lösung des Rätsels, das in seinem Zentrum steht: Was hat es mit „Dem Haus“ auf sich, in dem Piranesi lebt?
Dessen Fremdartigkeit zeigt sich unter anderem in Piranesis Zeitrechnung, die sich nicht nach Christi Geburt richtet, sondern nach den prägenden Ereignissen in seiner merkwürdigen Welt. Sein Tagebucheintrag im ersten Kapitel stammt vom „Ersten Tag des Fünften Monats in dem Jahr, in dem der Albatros in die Südwestlichen Säle kam“.
Außerdem kann ich mich nicht erinnern, was vor zweitausend Jahren geschehen sein soll, das jenes Jahr in meinen Augen zu einem guten Anfangspunkt machte.
Susanna Clarke, Piranesi, Mein Tagebuch, Eintrag für den Siebzehnten Tag des Fünften Monats in dem Jahr, in dem der Albatros in die Südwestlichen Säle kam, S. 25 (Heyne 2022).
Im obersten Stockwerk „Des Hauses“ bilden sich Wolken und die Gezeiten lassen den Ozean in den Versunkenen Sälen im Erdgeschoss immer wieder bis ins mittlere Stockwerk vordringen. Piranesi ist einer von fünfzehn Menschen, die je gelebt haben. Neben ihm gibt es noch „Den Anderen“, der ihm den Namen gegeben hat, von dem Piranesi immer wieder betont, dass es nicht seiner ist. Er sieht sich selbst als „Das Geliebte Kind des Hauses“ (S. 183).
War denn eine andere Identität überhaupt erforderlich? Ich glaubte nicht. Ein weiterer Gedanke schoss mir durch den Kopf.
„Ich bin Piranesi.“
Doch ich wusste, dass ich das eigentlich nicht glaubte. Piranesi ist nicht mein Name. (Ich bin fast sicher, dass Piranesi nicht mein Name ist.)
Susanna Clarke, Piranesi, Ich bin…, Dritter Eintrag für den Einundzwanzigsten Tag des Neunten Monats in dem Jahr, in dem der Albatros in die Südwestlichen Säle kam, S. 184 (Heyne 2022).
„Der Andere“ erklärt ihm, dass der Name Piranesi „mit Labyrinthen assoziiert“ ist (S. 184). Gemeint ist der italienische Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi, zu dessen bekanntesten Werken eine Folge von 16 Radierungen, die Carceri d’invenzione von 1750 gehört.

Doch wenn Piranesi nicht der wahre Name der Hauptfigur ist, wer ist er dann? Je tiefer er in das Labyrinth aus Korridoren und Treppen vordringt, desto näher kommt er der Wahrheit über „Das Haus“ und sich selbst.
Nachdem ich mir über sechs Jahre Zeit gelassen habe, das Buch überhaupt aufzuschlagen, kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Ich verschlinge es innerhalb weniger Tage. Am Ende angekommen, möchte ich es am liebsten gleich noch mal lesen, um all die Details zu finden, die ich beim ersten Mal übersehen habe. Mein Kopf ist voll von Fragen, die Susanna Clarke mit ihrer Geschichte aufwirft: Was können wir wirklich wissen, wenn wir nur unserer eigenen, begrenzten Perspektive vertrauen können? Was macht die Identität eines Menschen aus? Was schulden wir den Versionen von uns selbst, die wir zurückgelassen haben? Auf meinen Spaziergängen denke ich seitdem immer wieder an Piranesis Leitsatz:
Die Schönheit Des Hauses ist unermesslich, seine Güte grenzenlos.
Susanna Clarke, Piranesi, Als Der Mond im Dritten Nördlichen Saal aufging, lief ich in das Neunte Vestbül, Eintrag für den Ersten Tag des Fünften Monats in dem Jahr, in dem der Albatros in die Südwestlichen Säle kam, S. 15 (Heyne 2022).
Daher kann ich meine Empfehlung vom letzten Mal nur wiederholen: Wenn du gern atmosphärische, literarische Fantasy liest, die in einer surrealen, labyrinthischen Welt spielt, dann gehört Piranesi ohne Zweifel auch auf deinen SuB. Und du solltest das Buch dort nicht so lange liegen lassen, wie ich das getan habe.
Hast du Piranesi schon gelesen? Wenn du dazu einen Kommentar schreiben möchtest, dann markiere bitte eventuelle Spoiler. Falls du es noch nicht gelesen hast: Bei welchem Buch hast du dich zuletzt geärgert, dass du es nicht schon viel früher begonnen hast?