Warum die magische Bibliothek in meinem Fantasyroman kein Zufall ist
Foto: Emilian Schiller, Zentraler Lesesaal der SLUB Dresden, Lizenz: CC BY-SA 3.0
„Das sind aber ganz schön viele Bücher, die du dir da ausgesucht hast.“ Die Bibliothekarin, in meiner Erinnerung hat sie rote Haare, sah mich über den Rand ihrer Brille an, nicht unfreundlich, eher erstaunt. Meine Mutter hatte sie gerade überzeugt, mir einen Ausweis für die städtische Kinderbibliothek auszustellen, obwohl ich erst einige Monate später eingeschult werden würde.
„Zwei kannst du ja hier lassen und dir fürs nächste Mal aufheben“, schlug meine Mutter vor. Ich schaute mir den Stapel auf dem Tisch an. Die Auswahl war mir schwer genug gefallen. In den Regalen stand noch so viel mehr, das mich interessierte. Und drei Bücher wären doch viel zu wenig für eine Woche!
Aber es half nichts, ich musste zwei aussortieren. Ich wollte es mir ja nicht mit der Bibliothekarin verscherzen. Umso größer war mein Triumph, als meine Mutter ihr bei unserem nächsten Besuch verkündete, dass ich die drei Bücher nach drei Tagen ausgelesen hatte und es doch besser wäre, wenn wir dieses Mal mehr mitnehmen dürften…
Von da an war der Tag, an dem wir zur Bibliothek fuhren, der Beste der ganzen Woche. Noch besser wurde es, als ich allein mit dem Fahrrad hinfahren durfte (und zwar lange vor der Fahrradprüfung in der vierten Klasse). So musste ich mich nicht so beeilen und hatte alle Zeit der Welt, aufgeregt in den Regalen zu stöbern. Je dicker das Buch und je länger die Reihe, desto besser.
Die Bibliothekarin lächelte nur wissend, wenn ich mit einem Stapel vor ihr stand, der mir bis zur Nasenspitze reichte. Geduldig stempelte sie in jedes einzelne Exemplar das Rückgabedatum ein und nicht selten kam es vor, dass sie mir noch eine Empfehlung gab – fürs nächste Mal, natürlich.
Mit Büchern beladen fuhr ich nach Hause und las bis spät abends, im Zweifel mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, die ich schnell ausschalten konnte, falls ich meinen Vater die Treppe zu meinem Zimmer hinaufsteigen hörte (was nicht immer gelang, weil er ganz genau die Stellen kannte, an denen das Holz nicht knarrte).
Spätestens als sich herausstellte, dass ich kurzsichtig war und eine Brille brauchte, hörte ich immer wieder, dass ich „zu viel“ las. Und tatsächlich, irgendwann hatte ich alles gelesen, was die Kinderbibliothek zu bieten hatte. Für die Stadtbücherei war ich mal wieder viel zu jung und die Leiterin dort ließ sich nicht so einfach überreden, ein Auge zuzudrücken.
Erst im vorletzten Schuljahr betrat ich wieder eine Bibliothek. Dafür war es dieses Mal sogar eine Universitätsbibliothek. Für meine Studienarbeit im Fach Sozialkunde trug ich nach vielen Jahren wieder einen Stapel Bücher nach Hause. Aber es waren nur Sachbücher. Keine Belletristik, keine fantastischen Welten, in denen man sich verlieren konnte.
Es war ein Vorgeschmack auf das Studium, in dem ich einen großen Teil meiner Zeit in der Teilbibliothek für Naturwissenschaften verbrachte. Mein Lieblingsplatz befand sich in einer Ecke am Fenster, aus dem man die Berge sehen und sechs Stockwerke unter sich das geschäftige Treiben der Großstadt beobachten konnte.
Durch Auslandsaufenthalte, ein Praktikum und Besuche bei Familie und Freunden war ich über die Jahre immer wieder zu Gast in anderen Bibliotheken. Nirgends war es so schön wie im großen Lesesaal der Zentralbibliothek der SLUB (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek) in Dresden. Nirgends so hässlich wie im Lesesaal Mathematik der Universitätsbibliothek Regensburg. Und nirgends so spannend wie an der TU München, wo ich die mechanischen Rollregale mit einer Kurbel an der Stirnseite bewegen und genau überlegen musste, wie ich den Gang öffnen konnte, in dem sich das gesuchte Buch befand.
Nachdem ich meine Diplomarbeit fertig geschrieben hatte, setzte ich lange keinen Fuß mehr in eine Bibliothek. Stattdessen verbrachte ich an den freien Wochenenden mehr Zeit damit, durch Buchhandlungen zu streifen und mir neue Bücher auszusuchen, als die gekauften Bücher dann auch zu lesen. Erst 2020 kam ich auf die Idee, mich bei der Stadtbibliothek anzumelden und mir eBooks und Hörbücher auszuleihen.
Mit meinem Umzug nach Hamburg habe ich vor ein paar Jahren ein neues Wort gelernt: Hier geht man in die Bücherhalle. Auch wenn ich mittlerweile vor allem das digitale Angebot nutze, kann ich manchmal nicht widerstehen und stöbere wie früher in den Regalen. Jedes einzelne Buch scheint nach mir zu rufen, um mir seine Geschichte zu erzählen. Ich ziehe Bände heraus, lese die ersten Seiten und kann mich kaum entscheiden. So viele verschiedene Geschichten, so viele Türen in fremde Welten. Vielleicht zu viele?
Es ist jedenfalls kein Zufall, dass das Magiesystem in meinem Roman buchbasiert ist, eine Bibliothek eine wichtige Rolle spielt und es einerseits viel zu viele und andererseits viel zu wenige Bücher gibt. Und ja, es ist beides gleichzeitig möglich. Es kommt nur darauf an, wen man fragt.
Was denkst du: Gibt es das überhaupt, zu viele Bücher?