Vom Eintauchen in andere Welten zum Blick hinter die Kulissen
Eines der Bücher, in die ich als Kind beim ersten Lesen so richtig versunken bin, war Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Vom Beginn des Romans im Antiquariat von Karl Konrad Koreander, Bastians Diebstahl und seinem Leseabenteuer auf dem Speicher der Schule, über Atréju, Fuchur und die Kindliche Kaiserin bis zum Elfenbeinturm… Wie sehr habe ich mir gewünscht, ich könnte genauso wie Bastian nach Phantásien reisen. Mit den zwei Schlangen auf dem Cover, die so aussehen wie die Schlangen auf Bastians Buch, der roten und grünen Schrift und den verzierten Initialen war es auch noch ein richtig schön gestaltetes Buch. Höher kann ein Leserherz kaum schlagen.
Als ich vor anderthalb Jahren angefangen habe, meinen Fantasyroman zu schreiben, habe ich das Buch wieder zur Hand genommen. Durch die Brille der Autorin fiel mir dabei im Kapitel II. Atréjus Berufung mit dem Buchstaben B ein Detail auf, dem ich als reine Leserin vermutlich keine große Aufmerksamkeit geschenkt hätte: Michael Ende führt dort mit AURYN, dem Kleinod, dem Pantakel und dem Glanz gleich vier verschiedene Namen für das magische Amulett ein, das seinen Träger zum Stellvertreter der Kindlichen Kaiserin macht.
Vielleicht konnte Michael Ende sich einfach nicht für einen der vier Namen entscheiden. Im Buch heißt es, dass alle, die den eigentlichen Namen aus Ehrfurcht nicht aussprechen wollen, das Medaillon Kleinod, Pantakel oder Glanz nennen. Ich glaube aber, dass der wahre Grund die drei Synonyme sind, mit denen Michael Ende die ständige Wiederholung des Namens AURYN umgehen konnte. Das zeigt sich ein paar Sätze später, als Caíron sowohl AURYN als auch den Glanz verwendet:
Es war schon lange nicht mehr vorgekommen, dass jemandem das Kleinod anvertraut worden war.
Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Kapitel II. Atréjus Berufung, S. 46 (Thienemann 2014).
Caíron stampfte einige Male mit den Hufen, bis sich die Unruhe gelegt hatte, dann sagte er mit tiefer Stimme: „Freunde, verwundert euch nicht allzu sehr, ich trage AURYN nur für kurze Zeit. Ich bin nur der Überbringer. Bald werde ich ‚den Glanz‘ einem Würdigeren übergeben.“
Das war der Punkt, an dem mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass das Lesen für mich von einem Hobby, einer Flucht aus dem Alltag und einem Eintauchen in andere Welten schleichend zu einem Blick hinter die Kulissen geworden war. Wie bei einem Zaubertrick, bei dem man weiß, wie er funktioniert und nur noch auf die versteckten Handgriffe achtet, ist mir auf dem Weg zur Romanautorin die Magie des Lesens abhanden gekommen.
Mein Fokus hat sich auf das Handwerk hinter der Geschichte verschoben. Ich schaue darauf, wie Kapitel, Szenen, Dialoge strukturiert sind. Mir fallen Wortwiederholungen und kleine Fehler auf, die mir vorher wahrscheinlich entgangen wären. Plot-Twists sind leichter zu erraten.
Andererseits weiß ich die Arbeit mehr zu schätzen, die hinter einer gelungenen Formulierung steckt. Autor*innen, die etwas wagen, ringen mir mehr Respekt ab. N.K. Jemisin zum Beispiel: In The Fifth Season (auf Deutsch Zerrissene Erde) erzählt sie einen ihrer drei Handlungsstränge komplett in der 2. Person Singular und zieht dich damit direkt in die Trauer der Hauptfigur hinein. Früher hätte ich das einfach als ungewöhnlich abgetan. Heute sehe ich, wie mutig das ist und wie geschickt sie die drei Stränge verwebt, sodass es ihr gelingt, dich an der Nase herumzuführen.
Diese neue Perspektive hat aber ihren Preis. Manchmal frage ich mich, ob ich weniger lese, weil es mir schwerer fällt, mich von einer Geschichte mitreißen zu lassen oder weil jede Entscheidung für das Lesen eben auch eine Entscheidung gegen das Schreiben ist. Wenn ich zu einem Buch greife, dann fast ausschließlich zu Fantasyromanen — um das Genre besser zu verstehen und aktuelle Vergleichstitel zu finden, die mir später bei der Positionierung meines eigenen Buchs helfen sollen.
Doch noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mich irgendwann ein Buch die Autorinnenbrille für ein paar Stunden ablegen lässt. Vielleicht braucht es dazu einen Roman, der so wie meiner gerade erst geschrieben wird. Vielleicht auch nur etwas Zeit, in der das Schreiben zurücktritt und dem Lesen wieder den Vorrang überlässt. Ich bin mir sicher, dass die Leserin von damals nicht ganz verschwunden ist. Sie ist nur leiser geworden und wartet auf das nächste Phantásien, in dem sie sich verlieren kann.
Bei welchem Buch wünschst du dir, du könntest seine Welt bereisen?