{"id":1,"date":"2024-05-03T16:39:50","date_gmt":"2024-05-03T14:39:50","guid":{"rendered":"http:\/\/sarahbux.de\/?p=1"},"modified":"2024-05-03T21:54:38","modified_gmt":"2024-05-03T19:54:38","slug":"texte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sarahbux.de\/?p=1","title":{"rendered":"Der erste Impuls"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pause ist zu Ende. Wir haben Deutsch bei Frau M\u00fcller. Die ganze Klasse sitzt schon, als sie kurz nach dem dritten Gong durch die T\u00fcr kommt. M\u00fcde nuscheln wir ein \u201cGu- ten Tag, Frau M\u00fcl-ler\u201d, bevor sie schwungvoll ihre braune Ledermappe auf dem Lehrertisch abstellt, die Metallverschl\u00fcsse aufschnappen l\u00e4sst und einen Stapel Papier herausholt.<br>\u201cF\u00fcr mich ist es auch die sechste Stunde. Eure Laune wird hoffentlich gleich besser, ich habe die Klassenarbeiten dabei. Sie sind gut ausgefallen.\u201d<br>Meine Sitznachbarin, die eben noch lustlos ihren Kopf mit der rechten Hand abgest\u00fctzt hatte, richtet sich auf. Die meisten meiner Mitsch\u00fcler sitzen pl\u00f6tzlich kerzengerade.<br>\u201cWas ist der Schnitt?\u201d, ruft die Klassensprecherin links hinter mir.<br>\u201cImmer mit der Ruhe. Bevor ich euch die Arbeiten zur\u00fcckgebe, m\u00f6chte ich euch einen Aufsatz vorlesen. So was ist mir in achtzehn Berufsjahren noch nicht untergekommen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann nichts Gutes hei\u00dfen. Frau M\u00fcller nimmt die ersten vier Bl\u00e4tter vom Stapel, legt sie an die rechte vordere Ecke ihres Tisches, f\u00fchrt den linken Zeigefinger zum Mund, befeuchtet ihn und nimmt das oberste Blatt in beide H\u00e4nde. Niemand wagt es, zu sprechen, geschweige denn, zu fl\u00fcstern. Meine Sitznachbarin atmet tief ein und nicht mehr aus. Die Luft ist stickig. Es riecht nach alten Staub, der auf den Heizk\u00f6rpern liegt und in den Vorh\u00e4ngen sitzt. Ich sp\u00fcre, wie mein Herz Blut in jede Ader meines K\u00f6rpers pumpt, in immer schnellerem Takt, bis in meine Ohren. In meinem Kopf sind nur drei Worte. \u201cBitte &#8211; nicht &#8211; meiner. Bitte nicht meiner. Bittenichtmeiner.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau M\u00fcller beginnt, zu lesen. Nach zwei Worten wei\u00df ich, dass es mein Aufsatz ist. Meine Sitznachbarin presst die angehaltene Luft durch die Nase heraus. Frau M\u00fcller liest, als h\u00e4tte sie den Aufsatz selbst geschrieben. Betont jeden Satz an der richtigen Stelle. Ich kann jedes Komma, jeden Punkt h\u00f6ren. Ich wei\u00df, warum sie meinen Aufsatz ausgesucht hat. Die gef\u00fcrchtete \u201cSechs &#8211; Thema verfehlt\u201d, war f\u00fcr mich bisher nur eine Anekdote &#8211; wie ein Ungl\u00fcck, von dem man in den Nachrichten h\u00f6rt, das immer nur anderen passiert und nicht einem selbst. Aber ich habe diese Sechs herausgefordert. Die Erinnerung kommt Wort f\u00fcr Wort zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Wochen ist die Klassenarbeit inzwischen her. Es war der Donnerstag vor den Ferien. Aufgabe war eine Er\u00f6rterung zu Goethes Faust, Der Trag\u00f6die Erster Teil: Inwiefern k\u00f6nnen Faust als starke und Gretchen als schwache Figur charakterisiert werden? Zumindest ist das die Frage, an die ich mich erinnere. Ich wei\u00df noch, welch eine Wut diese Frage in mir ausl\u00f6ste. Mann &#8211; stark, Frau &#8211; schwach. Was sonst ist zu erwarten von einem Autor, der seit fast zweihundert Jahren tot ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein. Das war zuerst das einzige Wort, das ich denken konnte, als ich die Frage las. Doch pl\u00f6tzlich kam die Antwort wie von selbst, als w\u00e4re mein F\u00fcller nicht mit Tinte, sondern mit meinen Gedanken gef\u00fcllt. Gesch\u00f6pft aus der Wut \u00fcber ein Frauenbild, das l\u00e4ngst \u00fcberholt sein sollte, aber mit der unkritischen Lekt\u00fcre unserer deutschen Dichter und Denker in den K\u00f6pfen \u00fcberforderter Teenager jedes Jahr reproduziert wird: mit ein bisschen Schmuck kriegt man jede Frau \u2018rum und einzig Wahnsinn oder Schw\u00e4che k\u00f6nnen erkl\u00e4ren, warum sie am Ende nicht in die Kutsche steigen und dem Sonnenuntergang entgegen fahren will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist Faust derjenige, der aus Langeweile einen Pakt mit dem Teufel schlie\u00dft, ohne \u00fcber die Konsequenzen nachzudenken. Der trotz seiner Gelehrtheit und wider besseren Wissens einem viel zu jungen M\u00e4dchen nachstellt und Gretchens Welt schlie\u00dflich mutwillig zerst\u00f6rt. Der zum M\u00f6rder wird, am Ende Rei\u00dfaus nimmt, sein geliebtes Gretchen ihrem Schicksal \u00fcberl\u00e4sst und jede Schuld bei Mephisto sucht. Wie kann Gretchen ihm gewachsen sein? Eine Vierzehnj\u00e4hrige, die nichts hat au\u00dfer ihrer Familie und ihren Glauben. Faust wird zu ihrer gr\u00f6\u00dften Schw\u00e4che. Trotz anf\u00e4nglicher Zweifel l\u00e4sst sie sich auf ihn ein, in der Hoffnung, die einfachen Verh\u00e4ltnisse, in denen sie aufgewachsen ist, hinter sich lassen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Faust t\u00f6tet sie die eigene Mutter und ihr neugeborenes Kind. Trotzdem ist sie es, die stark genug ist, um als Mephistos Gegenspielerin zu wirken. Sie erkennt instinktiv Mephistos wahre Natur und gelangt durch das Ungl\u00fcck, in das sie sich aus Liebe zu Faust gest\u00fcrzt hat, von einer dogmatischen Fr\u00f6mmigkeit hin zu einem fundierten Glauben. Dieser Glaube erm\u00f6glicht es ihr am Ende, einen Ausweg aus ihrem Wahnsinn zu finden, ihre S\u00fcnden zu bereuen und im Gegensatz zu Faust die Schuld f\u00fcr ihre Taten einzugestehen. Sie besitzt die St\u00e4rke, die Faust fehlt: den Teufel in Mephisto zu erkennen, ihm zu widersagen und sich dem Gericht Gottes zu \u00fcbergeben. Dadurch wird sie gerettet, w\u00e4hrend Faust f\u00fcr einen weiteren Teil Mephistos Spielball bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau M\u00fcller hat aufgeh\u00f6rt, zu lesen. Sie blickt auf, legt das letzte Blatt ab, ordnet es in den kleinen Stapel ein und blickt fragend in den Raum.<br>\u201cWas sagt ihr dazu?\u201d<br>Hinter mir beginnt jemand, zu klatschen. Ich starre auf meine vier Bl\u00e4tter. Das Klatschen wird immer lauter und schlie\u00dft mich ein, wie ein Ring aus Ger\u00e4usch. Jetzt applaudiert auch Frau M\u00fcller und sieht mich an. Mein Kopf ist hei\u00df, meine Ohren brennen. Mein Herzschlag und der Applaus vermischen sich. Ich dachte, mein Aufsatz sollte als abschreckendes Beispiel dienen, wie weit man am Thema vorbei schreiben kann. Bleibt mein Herz stehen, wenn der Applaus aufh\u00f6rt?<br>\u201cIch denke, es reicht\u201d, sagt Frau M\u00fcller und es wird wieder still.<br>Mein Herz schl\u00e4gt weiter.<br>\u201cIch habe euch Sarahs Aufsatz vorgelesen, weil sie den Erwartungshorizont nicht erf\u00fcllt hat.\u201d<br>Also doch.<br>\u201cDu hast ihn \u00fcbertroffen\u201d, nickt sie mir zu, nimmt die vier Blatt Papier in die rechte Hand, kommt zwei Schritte auf mich zu und legt mir die Arbeit auf den Tisch. Ich bl\u00e4ttere so schnell wie m\u00f6glich auf die letzte Seite. \u201cRechtschr.\/Grammatik: 1+. Ausdruck: 1+. Gesamt: 1+.\u201d Darunter steht in gro\u00dfen Schw\u00fcngen in Rot geschrieben: \u201cSarah, du musst schreiben!\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pause ist zu Ende. Wir haben Deutsch bei Frau M\u00fcller. Die ganze Klasse sitzt schon, als sie kurz nach dem dritten Gong durch die T\u00fcr kommt. 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